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Turnierexkursionen zur Blickschulung - der Blick über den Tellerrand

Da wir hier meist in unserer kleinen "Ponyhof-Blase" leben und die Vielfalt des Pferdesports oft nicht im Fokus haben, steht das Jahr 2024 mal ganz im Zeichen des "Blickes über den Tellerrand"!


Denn auch wenn wir weder Turnier- noch Showambitionen haben, ist es trotzdem interessant, lehrreich und für das Verständnis des Pferdesports in der Öffentlichkeit unabdingbar, sich über die verschiedenen Szenen des Reitsports zu informieren!



Warum mir das für meine Reitschüler eine Herzensangelegenheit ist?

Ich möchte hier objektive aber auch kritische Kinder ausbilden, die immer pro Pferd denken und sich nicht von schönen Kostümen, mitreißender Musik, exaltierten Tritten oder halsbrecherischen Manövern blenden lassen, sondern WIRKLICH hinschauen!


Und weil das "live" einfach am besten geht, besuchten wir daher im Rahmen des Unterrichts im April ein Westernturnier, im Juni stand eine Fahrt zu einem Dressur-Turnier auf dem Programm.


Hierbei bewerteten wir mit Hilfe von Fragebögen die Harmonie und das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd, den Teamgeist und die Zufriedenheit des Pferdes. Ganz unabhängig von der geforderten Leistung (Ausführung der Lektion), denn die ist nur dann von Wert, wenn das Pferd sich wohlfühlt und loslässt und der Reiter, auch wenn er vielleicht noch nicht perfekt im Sitz ist, freundlich und verständnisvoll auf sein Pferd einwirkt.


Im September steht dann eine Teilnahme an einem kleinen Hausturnier mit unseren eigenen Ponys an, um auch mal selbst zu erleben, wie sich ein Auftritt vor Publikum anfühlt.. Für uns und unsere Ponys!



Der Turniersport steht zur Zeit ja bekanntlich stark in der Kritik - und das ist nicht unbegründet.

Überall wo es um Erfolg, Geld oder das eigene "Ego" geht, verliert sich schnell der Blick und das Gefühl für unseren Partner Pferd, der da ja eigentlich auch ein Wörtchen mitzureden hat!


Der Turniersport sollte eigentlich der Überprüfung dienen, ob ich mit meinem Pferd noch "auf Kurs" bin oder wo ich vielleicht noch etwas verbessern kann. Ob meine und die Ausbildung des Pferdes voranschreitet, gesund und artgerecht abläuft. Dafür sollte ich selbst immer feiner und balancierter reiten können, mein Pferd sollte sich ebenso balanciert und dynamisch bewegen und dabei physisch wie psychisch gesund bleiben.


Egal in welcher Reitweise, egal in welcher Disziplin! Soweit die Theorie...

In der Praxis zählen oft aber ganz andere Werte, was wir bei unseren Exkursionen leider hautnah miterleben konnten.


Verzweifelte,festgehaltene Pferde mit verspannten Muskeln, die aber "funktionieren", bekommen den Vorzug vor Pferden, die vielleicht mal etwas ängstlich sind und, durch Publikum und Lautsprecher irritiert, vielleicht auch mal einen Satz machen. Wer das Wesen des Pferdes als Fluchttier im Blick hat, der sollte hierfür wohl Verständnis haben!


Spektakuläre Stops und Spins mit offenen Mäulern und sichtbarem Sporeneinsatz werden höher bewertet als unspektakuläre Manöver, dafür aber mit zufriedenen Pferden.

Harter Hand-, Sporen- und Gerteneinsatz auf dem Abreiteplatz wird nicht geahndet, sondern stillschweigend vom diensthabenden Richter toleriert.


Ein Kind, was hingegen verständnisvoll mit seinem Pony den Schrecken eines Richterhäuschens abarbeitet, in der Lage ist, dem Pferd die Angst zu nehmen und freundlich und ohne Druck die Situation meistert, wird mit einer schlechten Wertnote bestraft, weil das Pony nicht "funktioniert " wie gewünscht.


Das Bild von eingerollten Hälsen, offenen Mäulern, verzweifelten bis "toten" Blicken und Reiter wie Richter, die dies nicht einmal wahrnehmen, war leider in beiden Sparten eher die Regel, als die Ausnahme.


Und genau deswegen machen wir "Blickschulung"!


Nur wenn ich sehe und erkenne, wie mein Pferd sich fühlt, kann ich es ändern!


Die jungen Reitanfänger von heute sind die Reiter (oder Richter) von morgen. Und wenn ich den Schmerz, die Verzweiflung oder auch die totale Selbstaufgabe im Gesicht eines Pferdes sehen und deuten kann, werde ich als Pferdefreund niemals zulassen, dass dies weiterhin vor aller Augen praktiziert und auch noch mit Schleifen und guten Noten belohnt wird!


Denn Pferdefreunde sind es doch (fast) alle - Reiter, Richter, Helfer. Nur scheint das Bewusstsein für die Gefühle eines Pferdes und die Kompetenz im Lesen der Pferdesprache einfach noch nicht genug im Vordergrund zu stehen.


Und genau hier findet sich mein Ansatz, meine Basis zur Schulung meiner Reitschüler!


Bevor ich reite, Lektionen übe und eine "Leistung" von meinem Pferd verlange, MUSS ich es lesen und verstehen können! Das ist die absolut elementarste Stufe im Pferdesport - und solange dies nicht flächendeckend gelehrt wird, werden wir traurige Bilder sehen. Im großen wie im kleinen Sport, im Western wie im FN Bereich, auf Messen und Shows und natürlich auch in der großen, weiten Freizeitreiterszene, die meist nicht so in der Öffentlichkeit zu sehen, trotzdem aber zahlreich in der Pferdewelt vertreten ist!


Natürlich kommen gerade bei öffentlichen Auftritten Nervosität, der Ehrgeiz, es besonders gut zu machen und auch ein bisschen Erfolgsdenken dazu. Das darf auch so sein und bringt uns ja auch voran.

Spätestens auf unserem Hausturnier werden die Kinder das am eigenen Leib erfahren.


Aber schaffen wir es, trotzdem den Blick für unser Pony nicht zu verlieren?

Abzubrechen, wenn wir merken, es fühlt sich deutlich unwohl?

Es nicht dem Pferd zum Vorwurf zu machen, wenn eine Übung nicht so klappt, sondern es gelassen und mit Humor zu nehmen?

Das Ganze als Team zu meistern und zum Aufbau von Bindung und Vertrauen zu nutzen?

Das Wohl des Pferdes über den eigenen Spaß, Ehrgeiz, Perfektionismus zu stellen?


Ich hoffe es!!

...und wenn nicht, wird das unser nächstes Etappenziel!💪


In diesen Sinne wünsche ich mir, dass alle, die mit Pferden zu tun haben, ein bisschen mehr fühlen, hinschauen, zuhören und einfach mal 5 gerade sein lassen - unsere Pferde werden es uns danken!



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